Wnet Impulstagung „Frauen und Medien, ihre Präsenz und ihre Darstellung!“ 9. Mai 2019

Am 9. Mai 2019 veranstaltete Wnet seine Impulstagung zum Thema „Frauen und Medien, ihre Präsenz und Darstellung!“ im Markas-Tower in Bozen, an der über 120 Personen teilnahmen. In ihrer Einleitung hob Wnet-Präsidentin Marlene Rinner hervor, dass in den lokalen Print- und Onlinemedien, in den Aussendungen der Landespresseagentur sowie im öffentlich-rechtlichen Sender RAI Südtirol Frauen nicht ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend vorkommen. Eine eigene Erhebung ergab sogar, dass auf den Titelseiten der Printmedien häufig keine Frauen vorzufinden sind und Experteninterviews zu Hard News fast ausschließlich mit Männern geführt werden. Wenn Frauen vorkommen, dann unter den Rubriken Mode, Gesellschaft, Familie und Soziales, zumeist den Fokus auf das äußere Erscheinungsbild legend und den leider noch gerne gepflegten Rollen- und Geschlechterstereotypen entsprechend. Auch bei Wirtschaftstagungen fehlen Referentinnen. Dass 1995 von der UNO initiierte Global Media Monitoring Project (GMMP) zeigte, dass sich bis 2015 an der Präsenz und Darstellung von Frauen in den Medien und am Prozentsatz von Frauen in Führungspositionen in den Redaktionen und in den Verlagshäusern wenig geändert hat.

Gastgeberin Evelyn Kirchmaier, Generaldirektorin der Markas GmbH – stellte in ihrem Beitrag das Engagement des Unternehmens für den Wiedereinstieg von Frauen in die Berufswelt und für Frauen in Führungspositionen vor. Die Geschäftsführung und der Vertrieb in Italien sowie Österreich sind in Frauen Hand. Das mittlere Management besteht zu über 50% aus Frauen. Es besteht kein Zweifel, dass Frauen mit einem Anteil von über 88% an der Belegschaft bei Marks sichtbar sind.

Die aus Südtirol stammende Journalistin und erfahrene Wirtschaftsredakteurin Lydia Ninz (Krone, APA, Der Standard) und Geschäftsführerin der Anlaufstelle „Ajour“, die sich um Zukunftsperspektiven für arbeitssuchende Journalistinnen und Journalisten kümmert, hielt einen motivierenden Vortrag zu „Best Practice zu mehr Frauen in Medien und weniger sexistischer Darstellung“. Ninz berichtete über das erste medieninterne Frauennetzwerk, das 23 „Standard“-Mitarbeiterinnen im Jahr 1997 gegründet haben, und über das Online-Portal „diestandard.at“, das seit dem Jahr 2000 aus Frauensicht über Politik, Wirtschaft und aktuelle Themen schreibt. Zudem erklärte sie, wie man in Österreich dem häufigen Journalistenproblem „Wir finden keine Frauen, die sich interviewen lassen“ entgegengetreten ist: „Wir haben eine Expertinnendatenbank geschaffen und den Medien somit eine Liste von Frauen vorgelegt, die zu unterschiedlichsten Themen reden wollen.“ Gerade weil Medien ein Spiegel der Gesellschaft sind, hätten Medienmenschen eine Schlüsselrolle inne, wenn es darum geht, Frauen ins rechte Licht zu rücken: „Das fängt bei der Sprache an, mit der wir in den Köpfen Bilder erzeugen und Assoziationen auslösen.“ Die Medienmenschen hätten es auch in der Hand, Frauen als Interviewpartner einzuladen oder über interessante Frauen zu berichten. Über die Auswahl der Fotos könnten überholte Rollenklischees überwunden werden. Allerdings betonte Ninz auch: „Die Medien sind nicht allein verantwortlich.“ Auch in der Gesellschaft, der Bildung, der Kunst und Kultur müsse an einigen Schrauben gedreht werden, um den Frauen mehr Sichtbarkeit zu geben. Derzeit sei die Situation nicht gut: „Ich sehe die Grundpfeiler von Demokratie und Medienfreiheit – und die hart erkämpfte Rolle der Frau – in Gefahr.“ Sie sei jedoch optimistisch, dass diese Gefahr gebannt werde. Sie gab den Frauen folgende 7 Tipps für mehr Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und Sichtbarkeit mit:

  1. Macht euch wichtig!
  2. Pfeift auf die Fehler von gestern, ergreift die Chancen von jetzt!
  3. Investiert in euch selber!
  4. Vernetzt euch!
  5. Sucht euch Mentorinnen oder Mentoren für eure Karriereleiter!
  6. Erwartet nicht zu viel von Frauen in Spitzenpositionen. Für Veränderungen braucht es Zeit oder mehr von ihnen!
  7. Betreibt mehr Marketing und spendet euch gegenseitig mehr Applaus!

In der anschließenden Podiumsdiskussion, dieUrsula Wieser sehr gekonnt moderierte, setzten sich Lydia Ninz, Arnold Tribus, Herausgeber und Direktor der Neue Südtiroler Tageszeitung, Heidy Kessler, Chefredakteurin der Nachrichtenredaktion Rai Südtirol, Christoph Franceschini, Chefredakteur des Onlinemagazins Salto, Luise Malfertheiner, Redakteurin der Tageszeitung Dolomiten, Christian Pfeifer, Chefredakteur und Direktor der Südtiroler Wirtschaftszeitung und das Publikum sehr ausführlich mit den Ursachen der geringen Frauenpräsenz in den Medien und mit den Möglichkeiten für eine größere Hör- und Sichtbarkeit von Frauen, insbesondere von Expertinnen auseinander. Unter anderem ging es auch um eine geschlechtergerechte Sprache, den großen Einfluss von Bildern ebenso wie um die Sportberichterstattung, bei der Frauen, trotz gleicher Erfolge im Vergleich zu Männern sehr häufig vernachlässigt würden. Im Folgenden einige O-Töne.

Heidy Kessler, Rai Südtirol

„Ich habe schon in meiner Studienzeit über das Thema der Frauen in den Medien diskutiert. Und heute müssen wir offenbar immer noch darüber diskutieren.“ „Ich habe recherchiert: Die Anzahl der Teilnehmerinnen an den Fernsehdiskussionen auf Rai Südtirol ist auffallend gering. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Viele Frauen scheuen sich, vor die Kamera zu treten, schieben lieber Männer vor. Die haben hingegen keine Scheu und reden gern, auch wenn sie wenig zu sagen haben.“

Luise Malfertheiner, Dolomiten

„Medien sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Männer sitzen oft an den Schalthebeln, und da es (auch) Aufgabe der Journalisten ist, Verantwortungsträger zu interviewen, kommen Männer öfter vor als Frauen.“ „Beispiel SVP-Landesversammlung: Frauen aus den Ortsgruppen zum Thema EU-Wahlen zu befragen, gestaltete sich für mich extrem schwierig. Sie wollten nicht in die Zeitung, zweifelten, ob sie schon das Richtige sagen würden …“

Arnold Tribus, Südtiroler Tageszeitung

„Junge Journalisten und Journalistinnen haben einen natürlicheren Umgang mit dem Thema. Frau oder Mann – das sehen sie nicht so eng.“

Christian Pfeifer, Südtiroler Wirtschaftszeitung

„In unserer Redaktion überwiegen die Frauen – von denen ich auch lerne, automatisierte Denkmuster abzulegen. Wir denken bewusst darüber nach, ob wir zu einem Thema auch Frauen befragen können. Allerdings funktioniert es nicht immer.“

Christoph Franceschini, salto.bz

„Männer fördern ihr Geschlecht, bilden gern Seilschaften. Für Journalisten, für die der Zeitfaktor eine immens wichtige Rolle spielt, ist es oft einfacher, einen Mann ans Telefon zu bekommen als eine Frau.“

Lydia Ninz

„Gesellschaft, Politik und Medien müssen sich für mehr Frauenpräsenz einsetzen. Die Spielräume der Medien sind noch groß.“

Als Erkenntnisse kristallisierten sich heraus, dass Medien mit ihrer Fähigkeit zur Meinungsbildung an vorderster Front wesentlich zum Abbau von Rollenstereotypen und Vorurteilen gegenüber Frauen beitragen können, dass die Leserschaft durch achtsames Lesen und Kommentieren von Nachrichten mit der Brille der Geschlechtergerechtigkeit bei den Journalisten und Journalistinnen das Bewusstsein schaffen können, dass Frauen zu allen Themen etwas zu sagen haben, und dass Expertinnen sich den Medien kurzfristig und unkompliziert zu Interviews zu Verfügung stellen sollten, wenn sie sichtbar und hörbar sein wollen. Nicht zu unterschätzen sei dabei der Einfluss des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache auf die unzureichende Sichtbarkeit von Frauen. Um also Veränderungen in den Medien und bei Medienkonsumierenden konkret anzustoßen wurden von Wnet-Frauen und anwesenden feministischen Linguistinnen die beiden konkreten Ideen geboren, den Medien eine Expertinnenliste mit interviewbereiten Fachfrauen zu erstellen und an einem Tag im Sommer 2019 in den Südtiroler Medien ausschließlich die weibliche Form, also das generische Femininum, anstelle des generischen Maskulinums zu verwenden. Einige anwesende Redaktionen gaben noch auf der Tagung ihre Zusage zum Mitmachen am Aktionstag. Wnet bedankte sich zum Schluss für die Unterstützung bei Evelyn Kirchmaier Generaldirektorin der Markas GmbH und dem Beirat für Chancengleichheit.

Wnet-Vorstand mit Lydia Ninz, TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion, Moderatorin, Vertreterinnen der Landespolitik und Präsidentin der Freien Universität Bozen